Tristan Vitt ist 28 Jahre alt und der jüngste Bürgermeister einer deutschen Großstadt. Der studierte Jurist hat nun einiges vor der Brust. Wird die Verwaltung nach beinahe 30 Jahren unter einer CDU-Spitze gut umschalten können? Muss er sich immer wieder als Politiker beweisen? Und wo setzt er Prioritäten? Wir haben zu Beginn seiner Amtszeit mit ihm gesprochen.
Top Magazin Siegen: Gab es in den ersten Tagen schon „Aha Erlebnisse“, Erkenntnisse, die Sie so nicht erwartet hätten?
Tristan Vitt: Ein bestimmtes Erlebnis gab es nicht, aber ich habe über die ganzen Postmappen gestaunt. Es ist hier doch ein bisschen weniger digitalisiert, als man vielleicht vermutet…
Top Magazin Siegen: Gutes Stichwort! Wo wollen Sie bei einer Digitalisierung ansetzen und wo werden die Bürger zuerst etwas davon merken?
Tristan Vitt: Zuerst müssen wir neue Strukturen schaffen, um eine solide Basis für unsere IT-Sicherheit zu schaffen. Es gibt bestimmte Abläufe, bei denen sehe ich sicherheitstechnisch noch Luft nach oben. Außerdem fehlen uns ganz häufig Schnittstellen innerhalb der Verwaltung und bei der Kommunikation mit anderen Behörden und Institutionen. Erste Veränderungen könnte man vielleicht bei Wohngeld- und Bauanträgen bemerken. Hier sollten Unterlagen nicht mehr händisch in Form von Aktenordnern eingereicht, sondern zum Beispiel einfach in eine Cloud hochgeladen werden. Im Bürgerbüro sollen eigentlich alle Dienstleistungen voll digitalisiert werden, sodass ich nicht mehr persönlich dorthin gehen muss. Für bestimmte Bereiche fehlen aber momentan noch die gesetzlichen Grundlagen.
Top Magazin Siegen: Was erwarten Ihre Wähler außerdem von Ihnen?
Tristan Vitt: Ich denke, sie verbinden mit mir die Hoffnung, dass Fragen der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit jetzt tiefergehender und ernsthafter angepackt werden. Es geht um bezahlbarem Wohnraum, Straßensanierungen sowie Kindergärten und Schulen mit einer konsequenteren Sanierungskonzeption.
Top Magazin Siegen: Siegen hat – wie viele Städte – teils Probleme mit Leerständen. Karstadt ist ja so ein Problemfall…
Tristan Vitt: Natürlich ist dieses Thema sehr komplex. Realistisch ist für mich, in der unteren Fläche ein Parkhaus zu haben. Gleichzeitig haben wir möglicherweise Potenzial, Kulturräume einzurichten und Gastronomie oder Einzelhandel. Supermärkte, die kein Tageslicht benötigen, könnten das Geschoss über dem Parkhaus nutzen. In den ersten Wochen meiner Amtszeit sind Optionen für das ehemalige Karstadt tatsächlich ein großes Thema. Ich sehe mich dazu bewusst in anderen Städten um, die solche Probleme bereits gelöst haben. In München gibt es multifunktionelle Kulturhäuser, die auch Raum bieten für Konsum, Gastronomie, Einzelhandel und Spielflächen für Kinder.
Top Magazin Siegen: Sehr belebt dagegen ist die Oberstadt. Sie haben auch letzten Sommer oft auf den Treppen vorm Rathaus gesessen.
Tristan Vitt: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das jetzt noch machen kann, als Bürgermeister. Aber ich will es im Frühling probieren. Meinen ehemaligen Klassenkameraden und Freunden ist es zum Glück relativ egal, dass ich Bürgermeister bin.
Top Magazin Siegen: Wie beschreiben Sie Siegen jemandem, der die Stadt nicht kennt?
Tristan Vitt: Ich finde, in Siegen gibt es das Beste aus allen Welten. Man hat ein bisschen Großstadt, ein städtisches Ambiente mit Menschen, die ein starkes Heimatgefühl haben, verwurzelt und verbunden sind. Hier ist nicht alles so anonym. Gleichzeitig haben wir eine super starke Wirtschaft. Wir vereinen so viel Potenziale, das finde ich immer wahnsinnig schön.