Zahnmedizin – Der unterschätzte Schlüssel zur Longevity | SERIE TEIL 1

Zahnmedizin – Der unterschätzte Schlüssel zur Longevity | SERIE TEIL 1

Länger leben ist das eine. Möglichst lange gesund, selbstbestimmt und mit hoher Lebensqualität zu leben, ist etwas anderes.

2026 58 Aufrufe Sauerland, Siegen-Wittgenstein
Zahnmedizin – Der unterschätzte Schlüssel zur Longevity | SERIE TEIL 1

Longevity beschreibt genau diesen Gedanken: Es geht nicht allein darum, möglichst viele Lebensjahre zu erreichen, sondern darum, die Jahre möglichst lange gesund und aktiv zu gestalten. Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stressmanagement und soziale Beziehungen spielen dabei eine Rolle. Ein Bereich wird dabei häufig übersehen: die Mundgesundheit.
Denn Zähne sind weit mehr als das Werkzeug zum Zerkleinern von Nahrung. Sie beeinflussen Kaufunktion, Ernährung und Lebensqualität – und stehen über Entzündungsprozesse und das orale Mikrobiom mit anderen Bereichen des Körpers in Verbindung. Eine 2025 veröffentlichte Übersichtsarbeit zeigt einen Zusammenhang: Wer im Alter mehr eigene Zähne behält, hat häufiger bessere Voraussetzungen für gesundes Altern.
Für die Zahnmedizin eröffnet Longevity damit eine etwas andere Perspektive: Nicht möglichst viel behandeln, sondern möglichst viel erhalten. Nicht erst reagieren, wenn Beschwerden entstehen, sondern Veränderungen früh erkennen und langfristig möglichst schonend behandeln.

 

Wie viele eigene Zähne bleiben bis ins hohe Alter erhalten?

Ein gesunder Zahn ist zunächst einmal ein Stück natürliche Funktion. Er hilft beim Kauen, beeinflusst die Lebensmittelauswahl und trägt zum Sprechen, Lachen und sozialer Sicherheit bei. Genau deshalb wird der Erhalt der eigenen Zähne zunehmend auch unter dem Blickwinkel des gesunden Alterns betrachtet.
Die sogenannte „20-Zähne-Frage“ ist dabei ein interessanter Forschungsansatz: In mehreren Langzeituntersuchungen hatten Menschen mit mehr erhaltenen natürlichen Zähnen günstigere Verläufe beim gesunden Altern. Die häufig genannte Grenze von 20 Zähnen ist dabei kein magischer Wert – vielmehr steht sie stellvertretend für eine noch weitgehend erhaltene Funktion des Gebisses.
Longevity-Zahnmedizin bedeutet deshalb vor allem: natürliche Strukturen so lange wie möglich gesund und funktionsfähig zu erhalten. Ersatz kann notwendig und sinnvoll sein – idealerweise aber erst dann, wenn er tatsächlich gebraucht wird.

 

 

„Jeder erhaltene natürliche Zahn trägt dazu bei, Kaufunktion und Lebensqualität langfristig 
zu bewahren.“

Prof. Dr. Anna-Luisa Klotz
Zahnärztin aus Soest

 

 

Die stille Gefahr im Mund

Parodontitis beginnt häufig unspektakulär. Das Zahnfleisch kann bluten, sich zurückziehen oder empfindlicher werden. Schmerzen müssen dabei nicht auftreten. Genau das macht die Erkrankung tückisch: Entzündungen des Zahnhalteapparates können über längere Zeit bestehen, ohne dass sie im Alltag deutlich auffallen.
Dabei geht es längst nicht nur um den Verlust einzelner Zähne. Parodontitis steht in wissenschaftlichen Untersuchungen mit verschiedenen Allgemeinerkrankungen in Zusammenhang – besonders gut untersucht ist die Wechselwirkung mit Diabetes mellitus. Auch Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen werden beschrieben. Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen Zusammenhang und Ursache: Die Forschung zeigt Verbindungen, daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass eine Parodontitis eine bestimmte Erkrankung verursacht.
Chronische Entzündungsprozesse können jedoch zur Belastung des gesamten Organismus beitragen. Genau deshalb rückt die Mundgesundheit zunehmend in den Fokus der Präventionsmedizin.

 

 

Expertinnenblick
 

„Chronische Entzündungen im Mundraum können lange unbemerkt bleiben. Regelmäßige Kontrollen helfen deshalb dabei, Veränderungen frühzeitig zu erkennen – häufig noch bevor Beschwerden entstehen.“

Prof. Dr. Anna-Luisa Klotz
Zahnärztin aus Soest

 

 

 

 


(Foto: © Camila – stock.adobe.com)

 

Der Mund ist kein abgeschlossener Raum

Im Mund lebt ein komplexes Ökosystem aus Bakterien, Pilzen und anderen Mikroorganismen. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, kann sich das orale Mikrobiom verändern – und damit auch die Bedingungen für Karies und Parodontitis. Mit zunehmendem Alter verändert sich die Zusammensetzung dieses Mikrobioms ebenfalls. Forschende beobachten unter anderem Veränderungen in der mikrobiellen Vielfalt und ein häufigeres Auftreten bestimmter Bakterien, die mit Parodontitis in Verbindung stehen. Die Studienlage ist dabei nicht in allen Punkten einheitlich.
Noch spannender ist die mögliche Verbindung zum Darm: Die sogenannte Oral-Gut-Achse beschreibt die Wechselwirkung zwischen den Mikroorganismen im Mund und denen im Darm. Bei Parodontitis können orale Bakterien verschluckt und in den Verdauungstrakt gelangen; umgekehrt gibt es Hinweise darauf, dass Veränderungen des Darmmikrobioms Entzündungsprozesse im Zahnfleisch beeinflussen können. Wie stark diese Wechselwirkungen beim Menschen tatsächlich sind, ist noch Gegenstand der Forschung. Für die Longevity-Forschung eröffnet sich damit eine interessante Perspektive: Nicht nur die Anzahl der erhaltenen Zähne, sondern auch das mikrobielle Gleichgewicht im Mund könnte für gesundes Altern eine Rolle spielen.
Der entscheidende Punkt liegt deshalb nicht erst am Ende der Entwicklung. Je früher Veränderungen erkannt und behandelt werden, desto eher lässt sich der natürliche Zahnhalteapparat erhalten.
Vorsorge wird damit zum eigentlichen Longevity-Prinzip der Zahnmedizin.

 

 

Wenn Kauen zur Lebensqualität wird


Eine funktionierende Kaufunktion beeinflusst auch die Ernährung. Wenn Zähne fehlen, Schmerzen auftreten oder Zahnersatz nicht richtig sitzt, werden bestimmte Lebensmittel häufig schwieriger zu essen. Harte, faserreiche oder besonders bissfeste Lebensmittel können dann zunehmend vom Speiseplan verschwinden.
Das ist gerade im höheren Lebensalter relevant. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen einen Zusammenhang zwischen fehlenden beziehungsweise nicht funktionell ausreichenden Zähnen und einem erhöhten Risiko für Mangelernährung. Eine Meta-Analyse kam beispielsweise zu einer um 21 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit für ein Risiko auf Mangelernährung oder bestehende Mangelernährung bei Menschen mit vollständiger Zahnlosigkeit oder nicht ausreichender funktioneller Bezahnung.
Damit wird aus einem zahnmedizinischen Problem schnell eine Frage der allgemeinen Lebensqualität: Was gut gekaut werden kann, lässt sich leichter in eine abwechslungsreiche Ernährung integrieren.

 

„Eine gute Kaufunktion ist gerade im höheren Lebensalter ein wichtiger Bestandteil von Lebensqualität und ausgewogener Ernährung.“

Prof. Dr. Anna-Luisa Klotz
Zahnärztin aus Soest

 

Harte Lebensmittel – Training für die Zähne?

Kauen ist nicht nur für die Ernährung relevant. Feste Lebensmittel regen den Speichelfluss an und beanspruchen den Kauapparat. Das bedeutet allerdings nicht, dass möglichst harte Lebensmittel automatisch gesündere Zähne machen.
Karotten, Äpfel oder Nüsse können eine sinnvolle Ergänzung einer ausgewogenen Ernährung sein. Sie ersetzen jedoch weder Zahnbürste noch Zahnzwischenraumpflege. Sehr harte oder abrasive Lebensmittel können die Zahnoberflächen bei entsprechender Belastung sogar zusätzlich beanspruchen.
Die Idee vom „Zähneputzen durch Kauen“ gehört deshalb eher ins Reich der Mythen. Interessanter ist die Frage, wie lange die natürliche Kaufunktion erhalten bleibt, um eine möglichst gesunde und abwechslungsreiche Ernährung zu gewährleisten. 


Wenn die Nacht Spuren hinterlässt

Auch der Schlaf gehört zu den Säulen eines gesunden Alterns. Zähneknirschen und starkes Zusammenpressen können dabei Zähne, Kaumuskulatur und Kiefergelenke belasten. Morgendliche Beschwerden im Kiefer, Kopfschmerzen oder verspannte Muskeln im Gesicht und Nacken können entsprechende Hinweise liefern.
Auffällige Abriebspuren an den Zähnen können ebenfalls zeigen, dass über längere Zeit ungewöhnlich hohe Kräfte auf das Gebiss wirken. Bei der zahnärztlichen Untersuchung lassen sich solche Veränderungen erkennen und bei Bedarf weiter abklären.
Damit wird auch der Blick auf die Zähne zu einer Art Langzeitbeobachtung: Sie können Spuren von Gewohnheiten zeigen, die im Alltag selbst kaum auffallen.

 

 

Vorsorge statt Reparatur

Longevity-Zahnmedizin beginnt lange bevor ein Zahn ersetzt werden muss. Regelmäßige Kontrolltermine ermöglichen es, Karies, Zahnfleischentzündungen, Abnutzung oder andere Veränderungen frühzeitig zu erkennen – häufig noch bevor Beschwerden entstehen.
Je früher sich Veränderungen behandeln lassen, desto eher können Eingriffe kleiner und schonender ausfallen. Das Ziel ist nicht, möglichst viele zahnmedizinische Maßnahmen durchzuführen, sondern unnötige Eingriffe möglichst zu vermeiden und natürliche Zahnsubstanz so lange wie möglich zu erhalten.
Dabei geht es nicht um einen starren Vorsorgeplan für alle. Kontrollintervalle und Prophylaxemaßnahmen sollten an individuelle Risiken und die jeweilige Mundsituation angepasst werden.

 

HEUTE – ERHALTEN
Gesunde Zähne und Zahnfleisch möglichst lange bewahren.
MORGEN – REGENERIEREN
Regenerative Verfahren sollen geschädigte Strukturen künftig nicht nur reparieren, sondern teilweise wiederherstellen.
ÜBERMORGEN – VERJÜNGEN?
Die Forschung untersucht sogar, ob altersbedingte Veränderungen von Zellen im Zahn gezielt beeinflusst werden können.

 


(Foto: © create‘s – stock.adobe.com)

Kann man Zähne verjüngen?

Die Zukunft der Zahnmedizin könnte noch einen Schritt weitergehen. Forschende untersuchen inzwischen Stammzellen aus dem Zahninneren, Biomaterialien und sogenannte senolytische Wirkstoffe. Letztere sollen gealterte, nicht mehr teilende Zellen gezielt beeinflussen.
Eine 2026 veröffentlichte experimentelle Studie zeigte beispielsweise, dass eine durch bestimmte Zellveränderungen ausgelöste Alterung von Zellen im Zahn mit eingeschränkter Reparaturfähigkeit verbunden sein kann. In einem experimentellen Modell konnten senolytische Ansätze altersbedingte Veränderungen teilweise rückgängig machen. Für die Behandlung von Menschen ist daraus allerdings noch keine verfügbare Therapie geworden.
Die Richtung ist dennoch bemerkenswert: Zahnmedizin könnte sich langfristig von einer Disziplin, die vor allem repariert und ersetzt, stärker zu einer Medizin entwickeln, die Erhalt, Regeneration und möglicherweise sogar Alterungsprozesse im Gewebe gezielt beeinflusst.

 

Mund- und Zahngesundheit für ein langes Leben


Gesund zu altern, hängt von vielen Faktoren ab. Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stress, Lebensstil und soziale Beziehungen greifen ineinander und beeinflussen die Lebensqualität bis ins hohe Alter. Die Mundgesundheit gehört dabei nicht an den Rand, sondern mitten hinein. Gesunde Zähne und ein entzündungsfreier Mundraum können dazu beitragen, Kaufunktion, Ernährung und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.
Denn jeder erhaltene Zahn bedeutet nicht nur weniger Zahnersatz. Er bedeutet erhaltene Kaufunktion, eine größere Auswahl bei der Ernährung und ein Stück Alltagssicherheit. Ein gesundes Zahnfleisch wiederum reduziert chronische Entzündungsprozesse im Mundraum. Und regelmäßige Kontrollen können Veränderungen sichtbar machen, bevor aus ihnen größere Probleme entstehen.
Vielleicht liegt ein Teil von Longevity deshalb tatsächlich dort, wo der Tag beginnt: bei einem gesunden Mund.

 

 

„Longevity bedeutet für mich nicht, möglichst alt zu werden, sondern möglichst lange gesund, selbstbestimmt und mit hoher Lebensqualität zu leben. Die Mundgesundheit spielt dabei eine wichtige Rolle: Jeder erhaltene natürliche Zahn, eine gute Kaufunktion und ein gesunder Mundraum tragen dazu bei, Lebensqualität und körperliche Gesundheit langfristig zu bewahren. Deshalb sollte Zahnmedizin nicht erst dann ansetzen, wenn Beschwerden entstehen, sondern viel früher – mit Prävention, regelmäßiger Kontrolle und dem Ziel, natürliche Strukturen möglichst lange zu erhalten.“

Prof. Dr. Anna-Luisa Klotz
Zahnärztin aus Soest

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