TOP MAGAZIN: Klaus-Jürgen, du wurdest in Meschede geboren und bist in Arnsberg aufgewachsen. Wie hast du deine Kindheit und Jugend im Sauerland erlebt?
Klaus-Jürgen Wrede: Es war eine tolle Zeit. Ich konnte mich frei entfalten und wurde von meinen Eltern bei allem unterstützt, was ich ausprobieren wollte. Musik spielte dabei eine große Rolle – ich habe leidenschaftlich Klavier gespielt und später sogar komponiert.
Genauso wichtig waren aber die Natur und das Draußen-Sein. Ich war viel unterwegs, habe Sport gemacht und die Umgebung erkundet. Einen besonderen Einfluss hatte auch das Sauerland-Theater auf mich. Dort habe ich als Jugendlicher als Garderobier gearbeitet und kam mit Literatur, Kultur und vielen neuen Gedanken in Berührung. Das hat mich sehr geprägt.
TOP MAGAZIN: Wie ist deine Leidenschaft für Spiele entstanden?
Klaus-Jürgen Wrede: Als Kind habe ich zwar gespielt, aber erst mit zwölf oder dreizehn Jahren entdeckte ich durch Schach meine Leidenschaft für Spiele. Anfang 20 lernte ich dann die moderne Brettspielwelt kennen. Die neuen Mechanismen und Themen haben mich fasziniert – und irgendwann entstanden daraus ganz automatisch die ersten Ideen für eigene Spiele.
TOP MAGAZIN: Nach dem Sauerland zog es dich zunächst für das Studium nach Köln. Wie groß war damals der Kulturschock?
Klaus-Jürgen Wrede: Sehr groß. Köln war laut, dreckig, eng und hektisch. Es hat bestimmt zwei Jahre gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Danach habe ich die Stadt aber lieben gelernt – vor allem die Kultur, die Musik und die vielen Möglichkeiten. Trotzdem blieb immer der Wunsch, irgendwann wieder näher an der Natur zu leben. Heute wohne ich wieder ländlich am Rand des Siebengebirges.
TOP MAGAZIN: Du warst zunächst Lehrer. Wie wurde daraus eine Karriere als Spieleautor?
Klaus-Jürgen Wrede: Das kam aus meiner Begeisterung für Spiele und meiner kreativen Ader. Wenn mich eine Idee packt, muss ich sie einfach umsetzen.
Nach dem Erfolg von Carcassonne habe ich noch etwa zehn Jahre lang parallel als Lehrer gearbeitet. Das hat mir großen Spaß gemacht. Irgendwann wurde die Doppelbelastung aber zu groß. Unterricht, Messen, Veranstaltungen, Interviews – alles gleichzeitig zu stemmen, wurde immer schwieriger. Mein Arzt hat damals irgendwann ein sehr deutliches Wort mit mir gesprochen.
TOP MAGAZIN: Wie entstand die Idee zu Carcassonne?
Klaus-Jürgen Wrede: Die Idee entstand tatsächlich direkt vor Ort. Ich war damals in Südfrankreich unterwegs und recherchierte für einen Roman. Die Landschaft, die Geschichte und die Atmosphäre rund um Carcassonne haben mich sofort begeistert.
Noch während der Reise kamen die ersten Gedanken für ein Spiel. Die Zusage eines Verlags kam überraschend schnell – und kurz darauf wurde der Erfolg so groß, dass er mich regelrecht überrollte.
Plötzlich gab es Einladungen ins Ausland, Interviews und Planungen für Erweiterungen. Meinen Roman musste ich deshalb erst einmal viele Jahre zurückstellen. Irgendwann habe ich ihn aber doch noch fertig geschrieben und veröffentlicht.
TOP MAGAZIN: Carcassonne wurde weltweit über zwölf Millionen Mal verkauft. Gab es einen Moment, in dem dir die Dimension dieses Erfolgs bewusst wurde?
Klaus-Jürgen Wrede: Das kam eher schleichend. Selbst heute kann ich es manchmal noch kaum glauben. Ein Erlebnis ist mir aber besonders in Erinnerung geblieben: Kurz nach der Veröffentlichung war ich mit dem Fahrrad an einem Badesee bei Köln unterwegs. Dort sah ich Menschen auf einer Picknickdecke sitzen und Carcassonne spielen. Das hat mich tief berührt.
Noch bewegender war ein Brief eines älteren Ehepaares. Die beiden standen kurz vor der Trennung und hatten gemeinsam Carcassonne entdeckt. Sie spielten jeden Tag miteinander und fanden dadurch wieder zueinander. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ein Spiel manchmal viel mehr bewirken kann, als man sich jemals vorgestellt hat.
TOP MAGAZIN: Warum begeistert Carcassonne bis heute so viele Menschen?
Klaus-Jürgen Wrede: Ich glaube, das Spiel spricht etwas sehr Ursprüngliches an. Es ist einerseits ein Puzzle mit einfachen Regeln, entwickelt aber gleichzeitig eine enorme Tiefe.
Vor allem baut man gemeinsam etwas auf. Der Spielplan entsteht erst während des Spiels und wird von allen gemeinsam gestaltet. Diese Mischung aus Kreativität, Interaktion und Gemeinschaft macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.
TOP MAGAZIN: Woran arbeitest du aktuell?
Klaus-Jürgen Wrede: Es gibt immer mehrere Projekte gleichzeitig. Zurzeit beschäftige ich mich vor allem mit kleineren Würfel-, Karten- und Wortspielen. Parallel plane ich aber auch wieder einen neuen Roman.
Und natürlich gibt es weiterhin neue Ideen rund um Carcassonne. Demnächst erscheint beispielsweise ein Carcassonne-Labyrinth – eine Kombination aus Carcassonne und Das verrückte Labyrinth.
TOP MAGAZIN: Wie groß ist deine Verbindung zum Sauerland heute noch?
Klaus-Jürgen Wrede: Im Alltag ist sie kleiner geworden, weil ich dort kaum noch Verwandte habe und viel unterwegs bin. Aber im Herzen ist die Verbindung bis heute geblieben.
Das ist Klaus-Jürgen Wrede
Klaus-Jürgen Wrede wurde 1963 in Meschede geboren und wuchs in Arnsberg auf. Nach dem Abitur zog es ihn zum Studium nach Köln, wo er später viele Jahre als Lehrer tätig war. Parallel entdeckte er seine Leidenschaft für moderne Brettspiele und begann, eigene Spielideen zu entwickeln.
International bekannt wurde Wrede im Jahr 2000 mit dem Brettspiel Carcassonne. Der vielfach ausgezeichnete Spieleklassiker wurde weltweit über zwölf Millionen Mal verkauft, in zahlreiche Sprachen übersetzt und zählt bis heute zu den erfolgreichsten deutschen Brettspielen. Neben seiner Arbeit als Spieleautor widmet sich Wrede auch dem Schreiben von Romanen und entwickelt weiterhin neue Spiele. Heute lebt er am Rand des Siebengebirges bei Hennef.