Im TOP MAGAZIN spricht Capito über seine Siegerländer Wurzeln, Druck in der Formel 1 und die Frage, warum man keine Rennen gewinnen kann, wenn die Werkstatt nicht sauber ist.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Jost, dein Vater war selbst Motorsportler, dein Bruder ebenfalls. War Motorsport bei euch zu Hause einfach immer präsent?
Jost Capito: Ja, das war immer präsent. Mein Vater hat ja den MSC Freier Grund mitgegründet. Ich bin 1958 geboren – Motorsport gehörte bei uns also von Anfang an dazu. Meine Eltern waren sogar bei der TT auf der Isle of Man, als meine Mutter mit mir schwanger war. Ich habe Motorsport wahrscheinlich schon gehört, bevor ich überhaupt auf der Welt war. Leider nichts gesehen – deswegen muss ich da irgendwann nochmal hin. (lacht)
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Wenn man heute auf deine Karriere blickt – Dakar, Weltmeistertitel, Formel 1 – wirkt das fast wie ein Hollywood-Drehbuch. Wie fing dieser Weg damals im Siegerland eigentlich an?
Jost Capito: Im Prinzip mit dem Endurofahren. Damals konnte man im Siegerland noch unglaublich viel trainieren. Es gab viele aktive Fahrer und Vereine. Ich bin da praktisch reingewachsen. Später war ich bei der Bundeswehr in der Fördergruppe für Endurofahrer und habe anschließend Maschinenbau studiert. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt der Weg in die Autoindustrie und den professionellen Motorsport.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Du hast 1985 gemeinsam mit deinem Vater die Rallye Dakar gewonnen. Gibt es einen Moment aus dieser Zeit, den du bis heute sofort wieder vor Augen hast?
Jost Capito: Ganz klar die Ankunft in Dakar. Als Sieger dort anzukommen, war ein unglaublicher Moment. Ich sehe heute noch dieses Bild vor mir, wie wir die weiße Nummer 1 bekommen haben. Das vergisst man nie.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Hattet ihr damals schon mit diesem Erfolg gerechnet?
Jost Capito: Gerechnet vielleicht nicht, aber wir haben daran geglaubt und darauf hingearbeitet. Gewinnen konnten wir letztlich nur, weil uns über viele Jahre hinweg tolle Freunde unterstützt haben. Sie haben an uns und an unser Team geglaubt – und daran hatten sie einen großen Anteil.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Du hast später über Jahrzehnte in der Formel 1 gearbeitet. Wie groß ist der Druck in diesem Umfeld wirklich?
Jost Capito: Der Druck ist enorm, weil deine Arbeit alle zwei Wochen live vor einem weltweiten Publikum bewertet wird. Das gibt es in nur sehr wenigen Berufen. Während meiner Zeit als Teamchef bei Williams wurde ich plötzlich überall erkannt – in England, in den USA oder sogar beim Skifahren. Die Leute wollten Selfies machen.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Hast du das genossen?
Jost Capito: Genießen ist vielleicht das falsche Wort. Ich brauche das nicht unbedingt. Aber wenn Menschen deine Arbeit schätzen und deshalb ein Foto mit dir machen möchten, dann ist das natürlich eine Wertschätzung. Und ich finde: Wenn man einen Job in der Öffentlichkeit hat, dann gehört das auch dazu. Man kann keinen Job in der Öffentlichkeit haben und dann sagen: „Ansonsten halte ich mich aus der Öffentlichkeit raus.“
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Unter deiner Leitung wurde Volkswagen in der Rallye-Weltmeisterschaft extrem dominant. Wann hattest du erstmals das Gefühl: Das könnte wirklich etwas Großes werden?
Jost Capito: Nach dem ersten halben Jahr 2013. Eigentlich wollten wir im ersten Jahr lernen und vielleicht irgendwann um Podiumsplätze kämpfen. Aber dann waren wir plötzlich direkt konkurrenzfähig und haben früh Rallyes gewonnen. Da haben wir gemerkt, dass wir eine sehr gute Basis geschaffen hatten.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Du hast in deiner Karriere mit vielen starken Persönlichkeiten gearbeitet. Wie führt man Menschen, die absolute Top-Leute auf ihrem Gebiet sind?
Jost Capito: Man darf keinen Unterschied machen. Man muss wirklich jeden Job wertschätzen. Ob jemand putzt, am Prüfstand arbeitet oder ein Auto konstruiert – jeder Beitrag ist wichtig. Wenn die Werkstatt nicht sauber ist, dann kann man keine Rennen gewinnen. Dann stimmt die Mentalität nicht. Erfolgreich wird man nur, wenn jeder Einzelne seinen Job perfekt macht.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Du bist in Neunkirchen geboren und aufgewachsen. Welche Rolle spielt das Siegerland heute noch für dich?
Jost Capito: Eine große. Meine Tochter lebt mit ihrer Familie noch im Siegerland, ich habe dort noch Verwandtschaft – und die Familie Capito hatte immer einen starken Zusammenhalt. Deshalb spielt speziell Neunkirchen bis heute eine wichtige Rolle für mich.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Aktuell gibt es mit Nico Hülkenberg nur noch einen deutschen Fahrer in der Formel 1. Wie blickst du auf die Rolle Deutschlands im Motorsport?
Jost Capito: Ich finde es großartig, dass mit Mercedes und Audi zwei deutsche Hersteller vertreten sind. Nico Hülkenberg ist ein hervorragender Fahrer. Er hat wahrscheinlich nie die Chance gehabt, wirklich in einem Top-Auto zu sitzen. Aber solche Ausnahmetalente wie Michael Schumacher oder Sebastian Vettel kann man nicht planen. Die kommen vielleicht nur alle zehn oder zwanzig Jahre.
TOP SIEGEN-WITTGENSTEIN: Und wie sieht dein Alltag heute aus?
Jost Capito: Ich berate verschiedene Unternehmen und Start-ups – unter anderem in den Bereichen künstliche Intelligenz und Mobilität. Außerdem halte ich Vorträge darüber, was Unternehmen aus der Formel 1 lernen können. Teamarbeit, Führung und Entscheidungsfindung unter Druck lassen sich schließlich auch auf die Wirtschaft übertragen.
Das ist Jost Capito
Jost Capito wurde 1958 in Neunkirchen geboren und zählt zu den bekanntesten deutschen Motorsport-Managern. Nach frühen Erfolgen im Enduro- und Rallyesport gewann er 1985 gemeinsam mit seinem Vater die LKW-Wertung der Rallye Dakar. Später arbeitete Capito unter anderem für BMW, Porsche, Ford, Volkswagen, McLaren und Williams.
Besonders erfolgreich verlief seine Zeit bei Volkswagen Motorsport, wo er das Team zum dominierenden Hersteller der Rallye-Weltmeisterschaft formte. Zuletzt war Capito CEO und Teamchef des Formel-1-Teams Williams Racing. Heute berät er internationale Unternehmen und Start-ups in den Bereichen Mobilität, Motorsport, Technologie und künstliche Intelligenz.